Versuch über das Nasa-Bild

„Die Welt bei Nacht“, ein Bild der Nasa, von dem eine Reihe von Versionen existiert, ist mittlerweile zu einer Ikone geworden, deren Abdruck bei keiner Illustration zu der Bedeutung nächtlicher Beleuchtung fehlen darf. Dabei könnte es auch zu einem Role Model für die Erläuterung des Ausspruchs von Goethe werden: Man sieht nur, was man weiß.

Was kann man ohne weiteres Hintergrundwissen auf dieser Karte, diesem Bild erkennen?

  • Man erkennt die Weltkarte, die Umrisse der Kontinente, wie sie aus jedem Atlas bekannt sind, nur dass die Umrisse – vor allem – durch die Quellen künstlicher nächtlicher Beleuchtung erkennbar werden. Gut sichtbar sind die Küstenstreifen, die großen Städte und Agglomerationen, die man leicht identifizieren kann, wenn man die Geografie ein wenig kennt.
  • Man sieht unterschiedliche „Lichtdichten“ und große Zonen ohne oder weitgehend ohne künstliche Beleuchtung (weite Teile Afrikas, Südamerikas, Australiens, der Weltmeere, Arktis und Antarktis).
  • Wenn man ein wenig über Bevölkerungskonzentrationen, ökonomische Bedeutung von Ländern oder Regionen weiß, dann sieht (oder ahnt) man, dass es Zusammenhänge zwischen künstlicher Beleuchtung, ökonomischer Kraft und Aktivität, Wohlstand und Bevölkerungsdichte gibt.
  • Man sieht, wie man die Welt sonst nicht sieht, nämlich aus einer Satellitenperspektive (gewissermaßen aus der Gottesperspektive).
  • Man lernt also durch diese Perspektive und durch die Darstellung der künstlichen Beleuchtung etwas über die Welt, über die Rolle der künstlichen Beleuchtung und ihre regionale Verteilung. Man sieht etwas, was vor dem Satellitenzeitalter niemand sehen konnte.

Bemerkenswert an dieser Darstellung ist jedoch auch, was darin wie sichtbar gemacht wird – und was man dementsprechend wissen muss, um das Bild einordnen zu können:

  • Es handelt sich um ein aus mehr als vierhundert Einzelbildern zusammengesetztes Bild. Die Welt kann so nicht gesehen werden, auch nicht von den Besatzungen der Raumstation ISS, die mit spektakulären Fotos und Filmen nächtlicher Zonen der Erde in den letzten Jahren für viel Furore gesorgt haben. Nur auf der Hälfte der Erde ist jeweils Nacht, auf der anderen Hälfte Tag.
  • Das Bild sieht aus wie ein Foto, könnte also ein Gesamtbild sein, das aus Einzelbildern aus unterschiedlichen Überfliegungen des Satelliten zusammengesetzt ist. Ist es aber nicht. Es handelt sich um eine Visualisierung von Daten, die von einem Satelliten aufgezeichnet und Pixel für Pixel in eine Schwarz-Weiß-Visualisierung übertragen werden. Diese Darstellung wurde zusätzlich eingefärbt (dunkles Blau für den Hintergrund und Orange für das künstliche Licht). Aus den Lichtdaten werden Quellen wie Feuer, Vulkane etc. teilweise rausgefiltert, sodass für einige Weltregionen weniger Licht gezeigt wird, als tatsächlich da ist.
  • Da der Satellit Licht nur innerhalb eines gewissen Wellenspektrums aufzeichnet, werden bestimmte Lichtformen eher unterschätzt. Dies ist gerade im Hinblick auf die sich verbreitenden LED von Bedeutung, da es zu einer Unterschätzung der Aufhellung führen könnte.
  • Da die Visualisierung aus Aufzeichnungen von unterschiedlichen Überfliegungen zu unterschiedlichen Zeiten zusammengesetzt ist und die Beleuchtung im Laufe der Nacht in vielen Städten erheblich variiert, ist nicht klar, ob wirklich vergleichbare Zeiten und Beleuchtungszustände in den unterschiedlichen Weltgegenden repräsentiert sind. (Zur Veränderung der Beleuchtung im Laufe der Nacht in einem späteren Beitrag mehr – s. z. B.  dieses City Night Lapse Video).

Es handelt sich also um eine Visualisierung, die als Bild, als Foto erscheint, als solches aber nicht möglich wäre. Sie vermittelt neue Einsichten, die nicht nur theoretisch von Bedeutung, sondern u. U. sogar von extrem praktischer Relevanz sind:

  • Die deutlichen räumlichen Unterschiede im Ausmaß der künstlichen Beleuchtung – zwischen Agglomerationen und ländlichen Räumen, zwischen Kontinenten – werden auf einen Blick erkennbar und weisen auf eine extreme Ungleichverteilung der Verfügbarkeit künstlicher Beleuchtung hin und damit auf erhebliche Ungleichheiten in der Welt.
  • Vor dem Hintergrund der intensiver werdenden Diskussion um die negativen Folgen künstlicher Beleuchtung (Lichtverschmutzung), wird dieser – bislang vernachlässigte – Teil von Umweltverschmutzung sichtbar gemacht. Daraus können Schlussfolgerungen abgeleitet werden, von welchen Weltgegenden aus der Sternenhimmel nicht mehr gesehen werden kann, wo u. U. besonders dringliche Maßnahmen für den Schutz der Umwelt gewonnen werden können oder wo dunkle Gebiete als solche geschützt werden könnten (Sternenparks, Dunkelschutzgebiete).

Mittlerweile gibt es auch Vergleiche zwischen verschiedenen Versionen – der Version von 2012, der ersten, und der neuesten von 2016, aus denen sich Veränderungen sichtbar machen lassen. Die Gründe der Veränderungen – weder bei der Zunahme noch bei der Abnahme – werden allerdings nicht sichtbar und erfordern zusätzliche Informationen: Es kann sich z. B. um eine Zunahme der Beleuchtung handeln, um Veränderungen der Beleuchtungstechnik, die im Falle der Umrüstung auf LED den Eindruck einer Abnahme der Abstrahlung hervorrufen kann, obwohl sie tatsächlich zunimmt (Kyba et al. 2017), Veränderungen in der Abschirmung von Lampen, ebenso wie um Auswirkungen kriegerischer Konflikte. Darstellungen vom Nahen Osten oder von Naturkatastrophen (im Zeitvergleich oder von der Karibik z. B. nach dem Hurricane Maria im September 2017) lassen erkennen, wie stark kriegerische Konflikte oder Naturkatastrophen die Lichtsituation verändern.

Die Perspektive (Distanz) macht Differenzierungen, die Analyse feinerer Unterschiede unmöglich, da die Messwerte (bislang) zu grob sind, um u. a. unterschiedliche Quellen von Licht, unterschiedliche Beleuchtungstechniken, Lampentypen, ihre räumliche Anordnung, die zeitliche Variation von Beleuchtungsintensitäten zu erfassen. Daher sind auch Rückschlüsse auf spezifische räumliche Bedingungen, Hintergründe der Messwerte und lokale Besonderheiten (z. B. in der Regulierung des Lichts) kaum möglich.

Diese Darstellung macht also auf üblichen Wegen Nicht-Sichtbares mit Techniken sichtbar, erkennbar, deutbar, vermittelt eine Anschauung der Welt, die es vor dem Satellitenzeitalter nicht gab. Da aber die Art der technischen Erzeugung der Informationen wiederum der Darstellung bedarf, ist das Produkt, das zur Ikone gewordene Bild eine Interpretation (die auch mit den Erwartungen und Sehgewohnheiten der Nutzer spielt – und insofern eine ästhetisierte Umsetzung von Daten darstellt). Die Interpretation erhellt und verdunkelt gleichermaßen, wenn man sich von der Vordergründigkeit der Ikone betören lässt. Man weiß mehr, aber es werden viele neue Fragen aufgeworfen. Das Bild erhellt, aber das Licht der Erkenntnis produziert neue Dunkelheit auf einer anderen Stufe. Es ist ein heuristisches Bild, kein exaktes, auch wenn es von Version zu Version besser und exakter wird, und vor allem ist es kein neutrales Bild. Jede Interpretation ist auch eine Perspektivierung. Die Perspektivierungsaspekte hebt Sarah Pritchard (2017) in ihrem Artikel „The Trouble with Darkness“ hervor, wenn sie die Betonung der Lichtverschmutzungsaspekte in den Darstellungen (insbesondere bei City Lights) und Rahmungen der Veröffentlichungen der Nasa zeigt und deutlich macht, wie der ebenso berechtigte Blick auf die Lichtarmut und damit die soziale Ungleichheit in der Welt eher verschleiert wird (Pritchard 2017b).

Literatur

Carlowicz, Michael (2012): Out of the Blue and Into the Black. New Views of the Earth at Night
(letzter Zugriff 09.03.2017)

Nelson, John (2017): Lights on, Lights out. Adventures in Mapping. Im Internet: https://adventuresinmapping.com/2017/04/18/lights-on-lights-out/
(letzter Zugriff 13.12.17)

Pritchard, Sara B. (2017): On (not) seeing artificial light at night: Light pollution or light poverty
(letzter Zugriff 06.12.17)

Pritchard, Sara B. (2017): The Trouble with Darkness: NASA’s Suomi Satellite Images of the Earth at Night. In: Environmental History 22 (2017): 312-330.

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